Windeln tragen in der Öffentlichkeit

In diesem Blog-Eintrag möchte ich die Frage behandeln, inwiefern es ok ist, in der Öffentlichkeit Windeln zu tragen. Diesem Blogeintrag vorangegangen ist ein persönliches Gespräch mit einem befreundeten Windelträger, aber der konkrete Anlass, dieses Posting jetzt zu verfassen, war ein Artikel auf queer.de über ein auf den ersten Blick komplett anderes Thema: Verein für türkischstämmige LGBT kritisiert „weißes“ Kiss-in

Bei näherer Betrachtung gibt es jedoch eine für mich sehr eindeutige Gemeinsamkeit: Es geht um die Trennung zwischen Intimsphäre, Privatssphäre und Öffentlichkeit, die sehr stark vom eignen Weltbild abhängt und dadurch auch kulturell geprägt ist. Sexualität wird dabei ziemlich universell der Intimsphäre zugerechnet, nur selten der Privatsphäre. Dass Sexualität nicht der Öffentlichkeit zugerechnet wird, hängt in einem aufgeklärtem Weltbild mit der sexuellen Selbstbestimmung zusammen, denn man darf niemanden ohne Konsens in sexuelle Spiele einbeziehen. Um ein Beispiel zu geben, was ich damit meine, wäre Exhebitionismus, der aus eben diesem Grund geächtet wird.

Etwas strittiger ist da schon die Frage nach Sexualverkehr unter freiem Himmel, etwa in historisch gewachsenen Cruising Areas. Eine Lösung, wie man das rechtfertigen kann, ist eine Trennung zwischen Öffentlichem Raum und Öffentlichkeit. Gerade im Schutz der Nacht ist es durchaus möglich, sich in einem öffentlichem Raum eine Privatsphäre zu schaffen, etwa in dem man sich hinter ein Gebüsch (im Park) oder in ein sonstig abgelegenes Gebiet zurückzieht. Trotzdem werden viele Menschen Sexualverkehr in Cruising Areas als Teil eines ausschweifenden Sexuallebens wahrnehmen.

Der Regelfall ist nämlich, Sexualverkehr als etwas dermaßen intimes zu betrachten, das unbedingt den Schutz eines verschlossenen Raumes, also eines Eigenheimes oder eines Hotelzimmers bedarf.

Jetzt ist natürlich, und das wird bei einem Fetisch besonders klar, Sexualverkehr und Sexualität absolut nicht das selbe. Manche Windelfetischisten gehen dabei so weit zu behaupten, ihr Fetisch wäre 100% asexuell, was ich persönlich nicht ganz nachvollziehen kann. Diese Sichtweise ist aber jedenfalls sehr bequem, um das Ausleben des Fetisches in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen.

Jedenfalls finde ich die Unterscheidung, ob bei einer sexuellen Handlung eine Penetration stattfindet, durchaus für sinnvoll, ebenso wie die Unterscheidung ob ein primäres Geschlechtsorgan sichtbar wird. Die nächste Frage wäre dann die der sexuellen Erregung. Zumindest von mir selbst kann ich definitiv behaupten, dass ich nicht stundenlange Dauererrektionen habe, wenn ich eine Windel trage. Ich selbst habe für mich entschieden, dass ich Windeln tragen in der Öffentlichkeit akzeptabel find und auch praktiziere, dabei aber eine gewisse Diskretion zu Tage lege, sprich eine Hose darüber trage.

Ein Teil meiner persönlichen Rechtfertigung ist auch der Vergleich mit anderen sexuellen Verhaltensweisen und derer Bewertung in unserer Kultur. So kann man ja, je nach Fetisch, sehr viele Körperteile als sexuell ansehen, etwa auch das Kopfhaar. Manche muslimische Kulturen verlangen daher ein Bedecken desselben in der Öffentlichkeit. Aus unserer aufgeklärten Kultur heraus, wird diese Anforderung jedoch zu Recht als zu großer Eingriff in die persönliche Lebensführung gesehen.

Als letzten Punkt möchte ich noch das Küssen anführen, das mich auch wieder zurück zum Ausgangspunkt dieses Postings führt. Ich selbst ordne Küssen jetzt der Intims- und Privatsphäre zu. Interessant finde ich jedoch auch die Einschätzung der Kultur, in die ich hineingewachsen bin. So lautet der Spruch, um frischverliebte, die sich öffentlich küssen zurechtzuweisen oft: „Auseinander oder es wird geheiratet!“. Und tatsächlich: In der Hochzeitszeremonie ist das öffentliche Küssen ein fester Bestandteil. Überhaupt ist die Hochzeit eine Institution, die einen großen Teil des Privatsleben plötzlich in den Rahmen der Öffentlichkeit erhebt. Genau deshalb ist es auch so wichtig daran zu arbeiten, dass die Hochzeit möglichst bald möglichst überall auf der Welt auch homosexuellen Paaren offen steht.

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